Heft Nr. 64, Juli/August 2001 (Titelgeschichte, Textauszug) 

Fahrt ins Blaue

Ob mit Picknick-Korb oder Zelt mit Schlafsack, ob nur zur Eisdiele oder mal schnell für einen Capuccino nach Italien, die Fahrt ins Blaue hat mit dem richtigen Partner seine Reize. Ob die Yamaha FJR 1300 im Walter-Trimm diese Erwartungen erfüllen kann,  klärt ein Test.

„Die FJR macht im Gespannbetrieb bestimmt eine gute Figur!“
„Und endlich wieder ein Bike mit Kardanantrieb!“
„Ob die Trinksitten der FJR mit Einspitzung an die legendäre FJ erinnern, muss ein Test zeigen. Ich bin schon gespannt“

Das waren die wichtigsten Sätze auf der Intermot letzten Jahres zum Thema FJR 1300, die man auf unserem Stand aufschnappen konnte. Auf dem Yamaha-Stand sah man nicht nur interessierte Gespannfahrer um das Tourenbike, sondern auch immer wieder Gespannbauer. Jede Diskussion endete schließlich pro FJR als Gespann. Keine langen Reden schwingen sondern handeln, dachte sich Helmut Walter. Er orderte im Frühjahr eine FJR und schob sie in seine Werkstatt. Für uns kam sein Anruf über das im Aufbau befindliche Gespann überraschend, denn über die FJR hatten wir in den letzten Monaten mit ihm nicht diskutiert. Kurzerhand schrieben wir einen neuen Seitenplan für diese Ausgabe und waren zwei Tage später bereits in Harle und halfen beim Zusammenbau der letzten Komponenten sogar noch mit. Dem Aluminiumgussrahmen verpasste Helmut Walter einen Hilfsrahmen mit Steuerkopfanbindung, der in erster Linie der Platzierung der Beiwagenanschlüsse dient, weniger der Verstärkung des Yamaha-Fahrgestells. Der hintere, obere Anschluss ist mit dem aufgeschraubten Rahmenheckausleger der Yamaha verschraubt. Trotz sinnreicher Verstärkungen wird hier erst der Dauerbetrieb zeigen, in wie weit die Laschen des Hecks die Querkräfte des Gespannbetriebs vertragen.

Am Freitag gegen halb sieben stand das Gespann zum erstem mal auf der Straße. Nach einer Probefahrt und Schlusskontrolle wendeten wir das Vorderrad gen Süden. Per Knopfdruck läst sich die Verkleidungsscheibe auf individuelle Höhe verstellen. Der Windschutz ist hervorragend. Leider leitet die steile Scheibe des Beiwagens viel Wind auf den Oberkörper des Fahrers. Bis 140 km/h bleibt das in akzeptablem Rahmen. Bei höheren Geschwindigkeiten wird der Druck so groß, dass man nach kurzer Zeit freiwillig wieder den Gasgriff lockert.

Tiefe, von Lastwagen ausgefahrene Spurrillen können die Freude am Gespannfahren erheblich schmälern. Manche Gespanne finden diese Rillen von selbst und versetzen dann um einen halben Meter. Bei dem Yamaha-Gespann wurde dieser Suchmodus vergessen. Es lässt sich von dem einmal eingeschlagenen Weg nicht ablenken, bleibt so treu in der Spur wie ein gut erzogener Hund bei Fuß geht. Verantwortlich dafür ist Helmut Walters eigene Fahrwerksphilosophie. Vorne schmal und hinten breit, wenig Vorlauf, wenig Vorspur. In der Praxis sind das ein 145/65 x 15“-Reifen vorn, ein 195/50 x 15“-Reifen auf dem Hinterrad. Der Vorlauf des Beiwagenrades fällt im Vergleich mit 290 Millimetern gering aus, ebenfalls die Vorspur mit 10 Millimetern. Durch den geringen Vorlauf wird die Lenkung des Motorrades geringer beeinflusst. In Rechtskurven macht sich der geringe Vorlauf sowieso kaum bemerkbar. In Linkskurven hilft der Nachlauf des Vorderrades von 40 Millimetern, den Beiwagen ohne allzu großen Kraftaufwand um die Kurve zu ziehen. Ein Kippmoment um die Achse Vorderrad-Beiwagenrad ist kaum zu befürchten, da vorher die Reifenhaftgrenze erreicht wird und das Gespann wegschmiert. Generell hat diese Einstellung ein sehr neutrales Fahrverhalten zur Folge, das keine Gewöhnungszeit erfordert. Auch Anfänger kommen damit sehr gut zurecht.

Weniger Freude bereitet das serienmäßige Heckfederbein. Auch mit der strammsten Vorspannung ist es für Gespannbetrieb zu weich. Es passt nun auch überhaupt nicht zu den noblen Techno-Flex-Federbeinen, die für Komfort auf der Vorhand sorgen. Das Beiwagenfederbein fühlt sich mit Passagier am wohlsten.

Wohl fühlt sich der Fahrer jederzeit mit der Leistungsentfaltung des Motors. Satte 125 Nm wuchtet die Kurbelwelle bei 6000 U/min via Kardan auf das Hinterrad und schiebt das Gespann unbarmherzig nach vorn. Diese starke Kraftentfaltung im unteren und mittleren Drehzahlbereich macht die Yamaha zum Kraftmeier in allen Fahrsituationen. Der Durchzug des Vierzylinders ist phänomenal und erspart dem Fahrer häufige Schaltarbeit im Fahralltag. Spötter meinten, dass bei einem 100.000-Kilometer-Test nur die Zahnräder des ersten und fünftes Ganges Betriebsspuren zeigen würden. Wenn auch diese Aussage nicht ganz zutrifft, so vermittelt sie doch den weiten Leistungsspielraum der Yamaha. Ab 2000 U/min beschleunigt das Kraftpaket ruckfrei. Ab 5000 U/min hat man das Gefühl, dass sich der Nachbrenner einschaltet. Überholmanöver reduzieren sich auf einen kurzen und stressfreien Dreh am Gasgriff. Bei Landstraßenlimit zeigt die Tachonadel gerade mal 3500 U/min, bei einer Geschwindigkeit von 140 km/h auf der Autobahn beruhigende 5000 U/min. Der weiche Motorlauf nervt nicht. Es gibt ruppigere Gesellen, die einem die gute Laune auf langer Strecke vermiesen können.

...

Geräuschmessung:
Gemessen außerhalb des Helmes in Kopfhöhe
50 km/h 4. Gang  97 dB(A)
80 km/h 5. Gang  113 dB(A)
100 km/h             120 dB(A)
130 km/h             114 dB(A)

Abgasmessung:

 

Ohne Abgasschürze

Mit Abgasheckschürze

Mit Abgasheck- und seitenschürze

50 km/h

57 ppm

26 ppm

14 ppm

80 km/h

75 ppm

21 ppm

12 ppm

100 km/h

81 ppm

28 ppm

14 ppm

130 km/h

Über 200 ppm

67 ppm

16 ppm

Was uns gefiel:
- Neutrale Fahreigenschaften
- Motorcharakteristik
- Kardanantrieb

Was uns nicht gefiel:
- Hinteres Federbein zu weich
- Lampeneinstellung nur mit Werkzeug möglich
- verschiedene Befestigungen für die Verkleidung

 

Technische Daten:  Walter-Yamaha FJR 1300/ Race-Beiwagen

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder über obenliegende Nockenwellen betätigt, Bohrung x Hub: 70 x 66,2 mm, Hubraum:1298 cm3,  Leistung: 106 kW (143 PS) bei 8000 U/min, max. Drehmoment: 134 Nm bei 7000 U/min, Elektronische Einspritzung, geregelter Katalysator, Batterie 19 Ah/12 V, Lichtmaschine: 490 Watt, Kardanantrieb.

Fahrwerk:
Aluminium-Brückenrahmen, Hilfsrahmen mit Steuerkopfanbindung, Aluminiumhinterradschwinge mit Kardanantrieb.

Bremsen:
Zzwei Doppelkolbenbremssättel mit schwimmend gelagerten Bremsscheiben vorn, Zweikolbensattel hinten, Beiwagenbremse mechanisch mit Fußbremshebel gekoppelt.

Bereifung:
Vorn:  165/65 x 15
Hinten: 195/50 x 15

Abmessungen Gespann:
Radstand:  1600 mm
Spurbreite: 1370 mm
Vorlauf:  290 mm
Vorspur: 10 mm
Nachlauf VR: 40 mm

Abmessungen Beiwagen:
Länge: 1940 mm
Sitzbreite: 800 mm
Fußraumlänge: 1400 mm
Kofferraumvolumen:  l00
Verdeck serienmäßig:  ja
Kopfraumhöhe bei geschlossenem Verdeck: 800 mm
Sicherheitsgurte serienmäßig:  nein
Bereifung: 155/65 x 13
Federbein: Koni
Federweg: 70 mm
Scheibenbremse serienmäßig?   ja 
Leergewicht: 85 kg
Zul. Gesamtgewicht: 250 kg

Gewichte Gespann:
Leergewicht: 383 kg
Zul. Gesamtgewicht: 726 kg

Höchstgeschwindigkeit: etwa 180 km/h

Preise:
Testgespann wie vorgestellt: 50.125 DM
Walter-Sport-Beiwagen 11.000 DM
Umbaukitt für Yamaha FJR 1300 8.825 DM
Montage 1.000 DM
TÜV-Gebühren  400 DM
Lackierung 2.400 DM

 

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