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Titelgeschichte
Heft Nr. 72, November/Dezember 2002
Textauszug
Fliegt der Adler wieder?
Um
Moto-Guzzi im Gespannbetrieb war es in den letzten Jahren ruhig geworden. Neben
BMW waren Guzzis die Zugmaschinen schlechthin der 70er und 80er Jahre. Wenn
es nun nach dem Willen von Moto Guzzi Deutschland und Bernhard Peintner von
Iwan Bikes geht, wird Moto Guzzi in den kommenden Jahren ein glorreiches Come
Back erleben. In enger Zusammenarbeit mit Moto Guzzi entstand in Allershausen
ein Gespann, das in Zukunft auch über ausgesuchte Moto Guzzi-Händler lieferbar
sein soll. Wir haben uns das Erstlingswerk auf Basis einer Moto Guzzi Sport
Aluminium näher angesehen.
Moto Guzzi ist nicht nur eine Motorradmarke. Moto Guzzi ist Begeisterung für ein Produkt und für das Land, in dem es gebaut wird. Guzzist wird man aus innerer Überzeugung heraus. Hätte es in den letzten Jahren nicht Tausende von überzeugten Guzzisti gegeben, die ihrer Marke treu blieben, Guzzi wäre nur noch ein Name in der Erinnerung an einst große Motorradmarken. Unter der Schirmherrschaft von Aprilia haben die Italiener nun viel vor. Noch zuversichtlicher sind der deutsche Importeur, der Moto-Guzzi-Außendienstmitarbeiter Herbert Schajohr und Bernhard Peintner von Iwan Bikes. Ein Guzzi-Gespann muss wieder her! Dieser Gedanke war allen gemeinsam, wenn auch die Ursache für diesen Gedanken auf unterschiedlichen Ebenen zu suchen ist.
Mir als innerlich überzeugten aber derzeit nicht praktizierenden Guzzist sind die Gründe weitgehend egal. Ich freue mich schon auf die Testfahrten mit dem Gespann, obwohl sich eine gewisse Skepsis in Erinnerung an die Motorleistung des V-11-Gespann in M-G 65 breit macht.
Wie man auch immer die silbermattgraue Farbe des Aluminium-Sport-Modells tituliert, sie sieht gut aus. Der Lenker in Form einer Drag-Bar entspricht nicht unbedingt meiner eigenen Guzzi-Ästethik. Aber was soll´s, irgendwo müssen die Hände ja hin und das Gespann kontrollieren. Aber vielleicht sollte ich einfach vorurteilsfrei losfahren. So beende ich ein typisches Guzzi-Gespräch mit Bernhard, drücke auf den Anlasserknopf und schon brummelt der V-2 im charakteristischen Klang. Von einer Eingewöhnungsphase zu sprechen, wäre nach meinen über 170.000 Kilometern mit Guzzi-Gespannen eine Lüge. Sofort ist es wieder da, als wäre es nie weg gewesen: Das Gefühl, mit dem man jede Bewegung, jeden einzelnen Takt der Guzzi wahrnimmt, und das Gehör, das automatisch wie ein allumfassendes Überwachungsinstrument auf jegliches Motorgeräusch achtet und jede noch so kleine Veränderung sofort erkennen würde.
Mit
sattem Drehmoment hämmert er das Gespann vorwärts, schneller als man das von
den alten 850ern und 1000er Calis gewohnt ist. Automatisch hält die Gashand
in einer Stellung inne, die der Drehzahlmesser mit 4000 U/min anzeigt. Bei nicht
angeglichenem Tacho werden dann 120 km/h angezeigt, was einer tatsächlichen
Geschwindigkeit von etwa 100 km/h entspricht. Aber irgendwie will das bei diesem
Gespann nicht gelingen. Das Geheimnis liegt in der Kardanübersetzung. Statt
der gewohnten 7/33er Kegelrad-/Tellerradpaarung haben die neuen Guzzis eine
8/33er Übersetzung. Das senkt die Drehzahl um 500 U/min. Das Landstraßenmaximum
erreicht man bereits bei urigen 3500 U/min. Über kleine Landstraßen geht es
zurück zur Redaktion. Der Tacho zeigt bereits über 230 Kilometer, als die Reserveleuchte
das erste Mal mahnt, Benzin nach zu tanken. 19 Liter Benzinvorrat sind zwar
nicht wenig, aber die 24-Liter der alten Modelle wird man auf langen Touren
doch schmerzlich vermissen.
Der schon zwanghafte
Vergleich mit den Uraltmodellen muss nun ein Ende haben, sonst ist kein objektives
Urteil möglich. Betrachten wir uns Fahrwerk und Beiwagen. Die serienmäßigen
Speichenräder der Guzzi werden auf 3,5-Zoll-Autofelgen umgespeicht. Das spart
schon einmal Kosten für teure Verbundräder. Die Vorderradschwinge stellt die
Firma Motek her. Der Anschlusssatz ist ein Sammelsurium von Heigl- und Iwan-Teilen.
Der vordere, obere Anschluss wird einer Doppelschelle weichen, wie sie seinerzeit
vom TÜV Bayern gefordert wurde. Der hintere, untere Anschluss wurde bei Iwan-Bikes
gefertigt und weist eine Abstützung zur linken Rahmenseite auf.
...
Das Sahib-Einsitzerboot ist aus Stahlblech gefertigt und kommt aus Indien. Nach Vorgaben von Paul Sageder ist es gegenüber dem Indy-Boot in den Abmessungen gewachsen. Beibehalten wurde die Form in Anlehnung an den seligen Steib. Der Kofferraum ist von außen zugänglich. Der verchromte Drehgriff ist Schloss und Öffnungsmechanismus zugleich. Viel passt nicht hinein in das Gepäckfach. Mit einem Integralhelm und vielleicht ein paar T-Shirts und Socken ist das Angebot bereits ausgereizt.
Großzügig ist die
Einstiegsöffnung des Bootes. Das muss sie auch, denn die Federbeine des Fahrgestells
würden bei eine kleineren Öffnung den Einstieg schon erheblich erschweren. So
aber braucht man nicht mit den Schuhen auf dem einfachen aber doch passablen
Beiwagensitz herum trampeln und kann sich großer Kniefreiheit erfreuen.
...
74
PS leisten die Motoren in den Modellen mit Doppelschleifenrohrrahmen. Das maximale
Drehmoment von 94 Nm wird bei einer Drehzahl von 5000 U/min erreicht. Die Zahlen
heißen übersetzt, diese Guzzi geht in Verbindung mit dem kleinen Beiwagen recht
flott zur Sache. Damit auch Einsteiger sich auf dem Gespann sicher fühlen, wurde
ein relativ langer Nachlauf der Vorderradschwinge gewählt. Das hat zwar einen
unbeirrbaren Geradeauslauf zur Folge, aber bald wird man sich vor allem auf
langen und schnellen Etappen nach geringeren Lenkkräften sehnen. Vor allem auf
der Autobahn wird das Gegenlenken ab einer tatsächlichen Geschwindigkeit von
etwa 130 km/h zur Schwerarbeit. Zum Glück lässt sich durch Umhängen des Schwingenbügels
der Nachlauf noch reduzieren.
Mit verantwortlich für die schwere Lenkung ist auch der Lenkungsdämpfer, den
ich sofort gegen ein leichtgängigeres Exemplar austauschen würde. Spurrillen
sind der Guzzi fremd. Das liegt unter anderem auch an dem hohen Luftdruck in
den Reifen, mit dem Iwan-Bikes herumexperimentierte. 2,8 bar sind eindeutig
zuviel für die Smart-Reifen. Zudem haben sie dann überhaupt keine Eigendämpfung
mehr und man bekommt das hart abgestimmte Fahrwerk der Guzzi noch deutlicher
zu spüren. In einem Bereich von zwei bar, im Hinterradreifen bei hoher Beladung
etwa 2,2 bar, erhöht sich nicht nur das Komfortgefühl, sondern die Guzzi liegt
insgesamt satter auf der Straße und neigt nicht so schnell zum Wegschmieren.
Um Gespannkapriolen wie das Fahren auf zwei Rädern oder das Einleiten von Drifts oder Schleuderwenden wäre das Gespann ein gutes Schulungsfahrzeug. Das Anheben des Beiwagens ist trotz des hohen Gewichts des Beiwagenfahrgestells von 70 Kilogramm eine leichte Übung. Mit dem breiten Lenker hat man das zweirädrige Gespann dann so sicher im Griff, dass sogar das Fahren Rechts- und Linkskurven problemlos möglich ist. Kontrolliertes Driften ist auch mit der Integralbremse möglich. Man muss nur den Zeitpunkt des Lenkens und das Anbremsen koordinieren. Befürchtungen, dass durch den geringen Vorlauf des Beiwagens eine gefährliche Kippneigung entstehen kann, konnten wir nicht feststellen.
Der im Vergleich
zu anderen Gespannen geringe Vorlauf von 280 Millimetern macht sich übrigens
insgesamt positiv bemerkbar. Die Walter´sche Doktrin, auch großen Gespannen
durch einen Vorlauf von maximal 300 Millimetern neutrale Fahreigenschaften anzuerziehen,
wird bei diesem Gespann ein weiteres Mal unter Beweis gestellt. Zu großer Vorlauf
und auch eine zu große Vorspur beeinflussen die Lenkung stärker, was dann meist
bei der Konstruktion einen größeren Nachlauf zu Folge hat, um die Lenkung ruhig
zu stellen. Es ist ein Teufelskreis. Man muss sich vor Augen führen, dass bei
den meisten modernen Gespannen mit niedrigem Schwerpunkt ...
...
Martin Franitza
Moto-Guzzi-Gespanne
beim Moto-Guzzi-Händler
Die Idee
ist nicht neu. Schon in den 80er Jahren arbeiteten Helmut Walter und Moto-Guzzi
erfolgreich im Gespannbau- und vertrieb zusammen. Wenn die Pläne in die Tat
umgesetzt werden, ist die gesamte Abwicklung heute dennoch völlig anders. Stützpunkthändler
im gesamten Bundesgebiet sollen als Gespannvertretungen gewonnen werden. Ausgeliefert
werden nur komplett bei Iwan-Bikes zusammengebaute Gespanne, da Moto Guzzi aus
rechtlichen Gründen nicht als Anbieter des kompletten Gespannes auftreten kann.
Die Garantie für alle gespannspezifischen Umbauten und Teile obliegt der Firma
Iwan-Bikes. Der deutsche Moto-Guzzi-Importeur sichert für die Motorräder Kulanz
zu. Aus haftungsrechtlichen Gründen darf nicht von einer Garantie gesprochen
werden. Das ist jedoch nicht neu.
Durch ein
gewisses Lagerkontingent an Motorrädern bei Iwan-Bikes soll gewährleistet sein,
dass Gespanne innerhalb einer Woche lieferbar sind. Derzeit soll es nur das
Modell Stone mit schwarz lackiertem Sahib geben.
Was uns gefiel:
- kräftiger
Motor
- gutmütige
Fahreigenschaften
- Bremssystem
Was uns nicht
gefiel:
- Lenkkräfte
- fehlende
Beiwagenscheibe
- harte Hinterradfederung
Technische
Daten: Moto-Guzzi California Special Sport Aluminium mit Sahib-Einsitzer-Beiwagen
Motor: Luftgekühlter 2-Zylinder-V-Motor mit untenliegender Nockenwellen,
Ventile über Stößelstangen und Kipphebel betätigt, Bohrung x Hub: 92 x 80 mm,
Hubraum: 1064 cm3, Leistung: kW(74 PS) bei 6000 U/min, Drehmoment:
94 Nm bei 5000 U/min, 5-Ganggetriebe, Kardanantrieb.
Fahrwerk: Doppelschleifenrohrrahmen, geschobene Vorderradschwinge mit
Hagon-Federbeinen, originale Federbeine im Heck mit Vorspannhülse
Bremsen: Integralbremssystem auf alle drei Räder wirkend, Beiwagenbremse
mit Hinterradbremssystem gekoppelt, Handbremse wirkt auf zweite Bremsscheibe
im Vorderrad.
Bereifung:
Vorn: 135/70
R 15; Hinten:
145/65 R 15.
Beiwagen: Sahib-Einsitzer
Rahmen: Stahlrundrohrrahmen mit gezogener Schwinge. Karosserie: Länge:
1700 mm, Sitzbreite: 470 mm, Fußraumlänge: 800 mm, Kofferraumvolumen:
55 L, Bereifung: 135/80 x 13, Federbein: Hagon, Federweg: 50 mm, Beiwagenbremse
serienmäßig, Leergewicht: 85 kg, Zul. Gesamtgewicht: 200 kg
Abmessungen Gespann:
Radstand: 1560 mm
Spurbreite: 1200 mm
Vorlauf: 280 mm
Vorspur: 20 mm
Nachlauf VR: 80 mm
Leergewicht: 350 kg
Zul. Gesamtgewicht: 535 kg
Preise: ...
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