Titelgeschichte
Heft Nr. 76, Juli/August 2003
Textauszug

Ein Tag mit Nummer 89

Plötzlich ist der Waldweg zu Ende. Durch das dichte Gestrüpp gibt es kein Durchkommen mehr. Wir stellen den Motor ab. Die Ruhe des Waldes lädt zu einer kurzen Verschnaufpause ein. Wir philosophieren über Enduro-Gespanne. Was sonst?

Wir wollen weiter. Richard wendet das Gespann – ohne Helm, ohne Jacke. Ich packe gerade die Photoausrüstung wieder zusammen. Und dann völlig unerwartet gibt er Gas und fährt an mir vorbei. Das Aufbrüllen des Motors lässt mich instinktiv auf den Auslöser drücken....

Wir sind mit der Nummer 89 unterwegs. Die Zahl bezieht sich auf die Fahrgestellnummer. Es ist das 89.ste Gespann mit HU-Rahmen und es hat einen bärenstarken Yamaha-Fazer-Motor als Antrieb bekommen. Es muss nicht immer BMW sein. Dieser Ansicht ist auch Richard Weikert. Die Japaner bauen zuverlässige Motoren. Die einzige Arbeit zwischen Abfahrt und Ankunft ist für den Fahrer den Zündschlüssel umzudrehen und zu fahren. Ein technischer Halt um zu Schrauben, wäre eher einer jener Zufälle, der sich nicht in Schubladen katalogisieren lässt. Richard will Gespannfahren. Zum Gespannschrauben gibt es andere Modelle – sagt er.

Fazer, Hayabusa, TL 1000 oder andere Motoren. Horst Ullrich ist es ziemlich egal, was ein Gespannfahrer in seine Werkstatt schleift. Beispiele seines Erfindungsreichtums, wie man am besten den Motor mit einem neuen Stahlgeflecht einrüstet, gab es in den letzten Jahren genug. Einzige Voraussetzung ist heute, dass der Motor die Euro-2-Abgasnorm erfüllt. Sonst würde es Probleme bei der Zulassung geben.

Große Bodenfreiheit, lange Federwege, bequeme Sitzposition, untereinander austauschbare Räder, jede Menge Lademöglichkeit, das sind dir Grundvoraussetzungen, die man sich von einem HU-Gespann in dieser Form wünscht. Und generell werden diese Wünsche auch erfüllt.

Die Bodenfreiheit des Fazer-Gespannes beträgt am Motorrad 220 Millimeter und am Beiwagen sogar knappe 300 Millimeter. Ein hoher Schwerpunkt ist die Folge, aus der wiederum grundsätzlich eine etwas andere Fahrweise als mit einem tiefgelegten Straßengespann folgt. Lange Federwege werden durch die Bodenfreiheit und entsprechende Federelemente möglich. Noch wichtiger ist die Abstimmung.

...
Wir tauschen die Sitzplätze. Richard Weikert hatte zum ersten Mal sein Gespann aus der Beifahrerperspektive kennengelernt. Auf den folgenden Kilometern fällt mir auf, dass bei breitbeiniger Sitzposition der Beifahrer mit seinem linken Schuh im ungünstigsten Fall das Fußbremspedal blockieren kann. Ein kleiner Bügel oder ein Anschlagblech im Boot würde das wirksam verhindern.

Wieder einmal auf einer geteerten Verbindungsstraße gibt Richard richtig Gas. Meine Fahrweise hatte sich allein schon durch das Gefühl auf einem Fernreisegespann zu sitzen, auf gemächliches Reisen eingestellt. Der Motor schiebt das Gespann vorwärts, als gäbe es kein morgen. In engeren Linkskurven ist es ein herrliches Spiel, das Gespann an der Reifenhaftgrenze des Vorderrades zu fahren. Ein mit 145 PS motorisiertes Enduro-Gespann ist wahrlich nichts für Anfänger und will bei Ausreizung des oberen Drehzahlbereiches beherrscht werden.

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Auf Fahrbahntrassen, die ein flottes Vorwärtskommen ermöglichen, ist der Motor ein guter Partner. Er braucht zwar Drehzahlen –allein beim Anfahren steht die Drehzahlmessernadel bei 3000 U/min- spricht aber seidenweich an und reagiert fast schon auf Gedankenbefehl. In schwererem Gelände oder auf Geröllpisten, wo man mehr rollt als fährt, ist der erste Gang noch immer zu lang übersetzt. Hier ist das stetige Spiel zwischen Kupplung und Bremse nötig.

Nun wurde die Übersetzung sowieso schon erheblich reduziert. Statt des 44er Kettenrades dreht sich hinten bereits ein 55er. Mit der Serienübersetzung war der vierte Gang gerade noch nutzbar, der fünfte degradierte die Fazer zur lahmen Krücke und der sechste schlichtweg nicht mehr nutzbar.

....
Das HU-Fazer-Gespann kostete wie abgebildet mit allem Zubehör wie zum Beispiel Zusatztank, Reserverad, Hawker-Batterie, Tachoangleichung, CLS-Kettenschmiersystem und Heizgriffe unter dem Strich 22.919,18 Euro. Dabei verwendete Richard Weikert eine nagelneue Yamaha Fazer und rechnete den Verkauf der nicht benötigten Teile wieder ab.

Viel zu schnell nähert sich unser gemeinsamer Tag mit der Nummer 89 dem Ende. Einen Waldweg müssen wir noch unter die Räder nehmen. Er bietet noch einmal alles auf, was eine mitteleuropäische trockene Piste bieten kann: Tiefe Spurrillen verdeckt vom Laub des Herbstes, quer über dem Weg gewachsene Baumwurzeln, Felsbrocken. Und das HU-Gespann schwebt souverän über alle Hindernisse. Wenn es doch im Leben immer so wäre!?

Martin Franitza

 

Was uns gefiel:
* Konzept
* Federungsabstimmung im Normalbetrieb
* Fahreigenschaften

Was uns nicht gefiel:
* erster Gang zu lang übersetzt
* Beifahrer kann Fußbremse blockieren
* Vibrationen bei bestimmten Drehzahlbereichen

 

Technische Daten HU-Fazer-Enduro-Gespann

Motor:
Wassergekühlter Vierzylinder-Reihenmotor, fünf Ventile pro Zylinder über zwei Nockenwelle betätigt, Bohrung x Hub: 74 x 58 mm, Hubraum: 998 cm3, Verdichtung 11,4 , Leistung: 105 kW (145 PS) bei 10.000 U/min, maximales Drehmoment: 106 Nm bei 7500 U/min, kontaktlose Zündanlage,

Fahrwerk:
HU-Rahmen mit HU-Zweiarmschwinge hinten, geschobene Vorderradschwinge, Bilstein-Federbeine mit 120 Millimeter Federweg in gleicher Länge rundum montiert, wahlweise Öhlins-Federbeiune eingetragen, HU-Enduro-Beiwagen mit Einarmschwinge, 5-Punktanschluss,

Bremsen:
Yamaha-Serien-Bremsanlage mit Vierkolben-Bremssätteln am Motorrad, Handbremse betätigt zwei Bremssättel am Vorderrad, Fußbremse mit SW-Bremse gekoppelt

Bereifung:
Vorn: 185/65R15
Hinten: 205/60R15
SW: 185/65R15

Abmessungen Gespann:
Radstand: 1720 mm
Spur: 1240 mm
Vorlauf: 365 mm
Vorspur: 25 mm
Nachlauf VR: 25 mm

Gewichte:
Leergewicht: 314 kg
Leergewicht vollgetankt: 335 kg
Zul. Gesamtgewicht: 650 kg

Höchstgeschwindigkeit: ausreichend

Preise:
Gesamtkosten für Gespann inkl. Sonderausstattung bei Verwendung einer neuen Yamaha Fazer und Anrechnung des Verkaufs der nicht benötigten Teile: 22.919,68 Euro
Umbaupreis eines angelieferten Motorrads: ab 14.200,00 Euro

 

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