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Titelgeschichte
Heft Nr. 77, September/Oktober 2003
Textauszug
Götterdämmerung!
Zeus,
in der griechischen Mythologie der Chef des Olymp, der Herr über Blitz und Donner.
Kann das Zeusgespann von Side-Bike diese Führungsrolle bei den Gespannen für
sich beanspruchen? Hat der Konstrukteur Jean-Claude Perrin vielleicht sogar
den Stein des Weisen gefunden?
40 Grad im Schatten! Der Fahrwind ist die einzige Möglichkeit, die Hitze zu überstehen. Mit Helm im Beiwagen zu fahren wäre eine Qual. Und da die Helmpflicht beim Zeus mit Dreipunkt-Automatikgurten in Frankreich nicht so genau genommen wird, verzichten wir heute darauf, ebenso auf luftundurchlässige Motoradbekleidung.
Will man auf dem Gespann-Markt dauerhaft eine Führungsrolle für sich beanspruchen, muss man bereits gestern an morgen denken. Das scheint der Wahlspruch von Jean-Claude zu sein. Mega-Comete und Kyrnos waren Vorreiter für die Zeus-Idee. Zweifellos hat Jean-Claude-Perrin mit Comete und Kyrnos die Gespannszene beeinflusst und Trends gesetzt und den vorläufigen Gipfel seinen Gespannolymps mit dem Zeus gekrönt. Seine eingeschlagene Entwicklungsrichtung hat er konsequent weiterverfolgt, die von Anfang die Meinungen der Gespannfahrer polarisierte.
Mit
dem Zeus entfachte Jean-Claude Perrin erneut die Diskussion, inwieweit ein mit
Automotor befeuertes Fahrzeug und völlig neuem Chassis noch zu den Gespannen
zählt. Hinsichtlich der Fahrwerksgeometrie stellt sich die Frage nicht, denn
das Zeus basiert auf dem asymmetrischen Grundkonzept des Gespanns. Das komplett
neue Chassis sollte auch nicht das vorherrschende Thema sein, denn Reichler
und Ruko haben ebenfalls Fahrwerke im Programm, die mit einem herkömmlichen
wenn auch geänderten Motorradfahrwerk nichts zu tun haben....
...Letztlich kann nur das Fahrerlebnis die theoretische Pro- und Contra-Diskussion klären. In Frankreich übernehmen wir einen Zeus direkt bei Side-Bike. Sicherheitshalber lassen wir uns die Bedienung und den Schaltmechanismus per Tiptronic nocheinmal erklären. Seit unserer ersten Bekanntschaft mit dem Zeus wurde vor allem im Bereich der Schaltung einiges geändert. Gekuppelt wird mit dem linken Fuß, gschaltet per Knopfdruck rechts und links an je einem großen Druckknopf....
....130
km/h sind auf französischen Autobahnen erlaubt. Nur durch den regelmäßigen Blick
auf den Tacho unterlässt man höhere Geschwindigkeiten. Geräusche sind kaum mehr
das Indiz für Geschwindigkeit. Den Motor hört man kaum und der bei manchen Gespannen
lärmende Wind reduziert sich auf ein Säuseln. Der Fahrer sitzt dermaßen windgeschützt
hinter der Verkleidung, dass man jederzeit mit Jethelm fahren kann. Die Insassen
des Beiwagens bekommen den gleichen Komfort, sofern zumindest des rechte Seitenteil
des Verdecks montiert ist....
....In den nächsten Tagen sind wir bis zu 12 Stunden auf kleinen Landstraßen unterwegs. Ermüdungserscheinungen sind uns fremd. Die Sitzposition im Boot ist bequem. Meine Aphrodite im Beiwagen meint sogar, die beste Mitfahrgelegenheit seit dem GT-Twin. Nur das Aussteigen fällt auf Dauer schwer, vor allem, weil wir an jeder Ecke anhalten, um irgendwelche Bilder zu machen, die dann doch nicht veröffentlicht werden. Das ist ein Nachteil der Bootsform und vom Comete und Kyrnos nicht unbekannt.
Die
kurvenreichen Landstraßen hier im Land der Vulkane reizen zu einer flotten Gangart.
Ab mittleren Drehzahlen merkt man deutlich die Lastwechselreaktionen des Zeus,
die zudem konträr zu einem herkömmlichen Gespann mit ausschließlich Hinterradantrieb
sind. Sind Sie schon einmal eine Dnepr mit Beiwagenantrieb gefahren? Beim Gasgeben
muss man nach rechts Gegenlenken, beim Gaswegnehmen nach links. Genau so verhält
sich das Zeus mit seinen beiden angetriebenen Rädern. Die anfängliche Konzentration
auf die Reaktion weicht bald einem Automatismus. Gasgeben in Linkskurven unterstützt
das Lenkverhalten. Wie von selbst steuert das Gespann durch dier Kurven und
alsbald brettert man nur noch mit Power durch die Gegend. Die Lenkhilfe in Form
von Beschleunigung in Linkskurven bedeutet zwangsweise nicht, dass Rechtskurven
wesentlich schwerer zu händeln sind. Ein geringfügig stärkerer Druck am Lenker
ist nötig. Tadellos sind auch Geradeauslauf und Zielgenauigkeit der Vorderradführung.
Sie lässt sich auch nicht von Bodenwellen, Querrinnen oder Schlaglöchern beeindrucken
und hält den einmal eingeschlagenen Kurs wie an der Schnur gezogen bei....
....Wir lassen die Drehzahlen wieder sinken. Vor allem seit die französische Polizei ihre Radarpistolen als liebstes Spielzeug entdeckt hat, bleiben wir lieber im gesetzlichen Geschwindigkeitsbereich. Wir schonten damit auch unseren Geldbeutel beim Tanken. Im Landstraßenbetrieb errechneten wir einen Durchschnittsverbrauch von 7 bis maximal 8 Litern, bei Autobahnrichtgeschwindigkeit nur geringfügig mehr. Intercity-Express-Tempo auf dem Highway ab 150 km/h kostet bis zu 10 Litern. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei etwa 195 km/h. Hinsichtlich der Reichweite ordnet sich das Zeus in Motorräder mit großem Benzinfass wie zum beispiel BMW-GS ein und bietet hier keine Vorteile....
....Den Stein des Weisen hat Jean-Claude Perrin nicht gefunden. Das perfekte Gespann wäre ein Widerspruch in sich. Aber das Zeus wird seinem Namen gerecht. Es beansprucht die Führungsrolle bei den Tourengespannen zu recht...
Martin Franitza
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