Titelgeschichte
Heft Nr. 78, November/Dezember 2003
Textauszug

Tirol statt Tibet

Tirol statt Tibet. Rotwein statt Tschampa. Der Himalaya war uns zu weit, um den Ladakh-Beiwagen in einer seinem Namen entsprechenden Gegend vorzustellen. Einsame Bergstraßen liegen jedoch vor unserer Haustür und so entschieden wir uns für Südtirol und fuhren zur Enzianhütte.

Gleich sechs Hände werkeln unablässig am Gespann. Der ursprüngliche Abfahrtstermin am späten Vormittag ist schon Vergangenheit. Schnell noch ein neuer Sitz montiert, kurz noch den Sturz eingestellt, nicht zu vergessen auf meinen Wunsch vier Zurrösen im Heck montieren. Fritz Heigl, seine Tochter Erika und Paul Sageder erledigen die letzten Arbeiten am Gespann. Nach einer etwas längeren als normal üblichen halben Stunde wird das Gespann endlich aus der Werkstatt geschoben. Schnell verstaue ich die Fototaschen im Kofferraum und zusätzlich Warndreieck und Verbandskasten. Die wasserdichten Seesäcke schnallen wir auf das Heck von Motorrad und Beiwagen. Mit Regen müssen wir jedoch nicht rechnen. Der Wetterbericht sagt Sonnenschein und kühle aber klare Nächte voraus.

Die BMW R 80 GS springt tadellos an und bevor noch irgendjemand auf die Idee kommt,  irgendwo noch einmal Hand anzulegen und die Abfahrt weiter zu verzögern, fahren wir einfach los. Scherzhaft meint Paul: „Ich simuliere das zulässige Gesamtgewicht im Beiwagen!“ Den 130 Kilogramm im Boot habe ich nicht entgegen zu setzen außer fahrerischer Vorsicht und Weitsicht.

Über kleine Landstraßen fahren wir Richtung Süden. Auf einer Steigung mit 17 Prozent rutscht plötzlich die Kupplung...

...Die Vorderradschwinge fertigte Stefan Krohmer, der in den letzten Monaten mit KTM-Endurogespannen mit Straßenzulassung von sich Reden machte. Es ist eine handelsübliche Konstruktion mit Bilsteindämpferelementen. Auf alle Fälle haben wir in engen Kurven ein Bremsproblem: Es drückt die Bremskolben auseinander und ich muss durch Pumpen erst wieder Druck aufbauen. Die Geometrie stimmt jedoch, denn das Gespann lässt sich mit einer spielerischen Leichtigkeit durch die Kurven fahren...

...Taugt das Gespann für solche Pisten?

Zuerst sachte, um sich an die Reaktionen des Gespannes auf unbefestigter Piste zu gewöhnen, dann immer frecher, brettern wir immer höher. Plötzlich verschwindet das Matte Licht des Scheinwerferkegels im Nichts und noch bevor ich in die Bremse steige schreit Paul: Linkskehre. Wir driften an einem steilen Abgrund vorbei. Das Licht geistert über eine Felswand und als ich einen Augenblick später den Lichtschein wieder über die Piste huschen sehe, lenke ich ein und gebe Gas. Das Gespann stabilsiert sich wieder. Überraschend gut arbeiten die Federlemente. Die zwei Beiwagendämpfer haben trotz tiefer Löcher in der Piste noch nicht durchgeschlagen. Auch die Bilsteindämpfer in der Vorderradgabel tauchen noch nicht bis zum Anschlag ein.  Sie können zwar schnell hintereinander folgende Bodenwellen nicht mehr wegfiltern, schonen meine Bandscheiben aber vor harten Schlägen. Das große 21“-Vorderrad hat sicherlich seinen Anteil daran. Es ist schon ein Unterschied, ob ein kleines 15“-Rad in eine vom Schmelzwasser ausgewaschene Querrinne hineinfällt oder ein großes 21“-Rad regelrecht darüber hinwegrollt....

...Die Lösung für das Übersetzungsproblem ist entweder eine kürzere Kegelrad-Telleradpaarung oder der Einbau eines kleineren Rades. Zum Beispiel bietet die Firma Motek auch für die Trommelbremse der GS einen Umrüstkit für 15“-Smartfelgen an....

...In Deutschland zurück auf freier Strecke drehen wir noch den Gasgriff bis zum Anschlag. Unter günstigen Umständen und mit Anlauf schafft die R 80 GS mit Serienbereifung 120 km/h. Die überwiegende Fahrgeschwindigkeit liegt jedoch zwischen 80 und 100 km/h. Allein das zeigt, dass eineandere Übersetzung wünschenwert wäre. Überraschend günstig mit 7,2 Litern war  der Benzinverbrauch während der Tour....
....

Martin Franitza

Ein 15-Zoll-Rad für Trommelbremse ....

...
Was uns gefiel
- Fahrspaß für Low-Budget-Preis
- Staumöglichkeiten

Was uns nicht gefiel:
- Bremsabstimmung
- Fehlende Fußstütze
- Beiwagenpassagier sitzt voll im Wind

Technische Daten: Ladakh-BMW R 80/GS
Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-Boxermotor,  Bohrung x Hub: 84,8 x 70,6 mm, Hubraum:  797 cm3,  Leistung:  37 kW bei 6500 U/min max. Drehmoment: 61 Nm bei 3750  U/min, Tankinhalt: 24 Liter.
Fahrwerk: BMW-Doppelschleifenstahl-Rohrrahmen mit geändertem Peikert-Hilfsrahmen, geschobene Krohmer-Vorderradschwinge mit Bilsteinfederelementen.

Bremsen:
Hydraulische Einscheibenbremsanlage vorn, Trommelbremse hinten mit Beiwagen-Trommelbremse gekoppelt.

Abmessungen Gespann:
Radstand: 1560 mm
Spurbreite: 1200 mm
Vorlauf: 350 mm
Vorspur: 20 mm
Nachlauf VR: etwa 30 mm

Beiwagen:
Rahmen: Trapezrahmen aus Stahlrohr mit gezogener Schwinge, zwei Stoßdämpfer nach vorn abgestützt.

Karosserie:
Länge: 1850 mm
Sitzbreite: 550 mm
Fußraumlänge: 850 mm
Kofferraumvolumen: 150 l
Bereifung: 135/70 x 15 oder 145/80 x 13
Federbein: Escort oder Armstrong
Federweg: 90 mm
Leergewicht: 90 kg
Zul. Gesamtgewicht: 240 kg
Leergewicht Gespann: 325 kg
Zul. Gesamtgewicht Gespann: 610 kg
Höchstgeschwindigkeit: etwa 120 km/h

Preis:
Ladakh-Premium mit Kofferraum wie abgebildet 3.450 Euro.

 

  Weitere Rubriken in diesem Heft: Inhaltsverzeichnis, Nachrichten, Leserbriefe, Leitartikel

     Weitere Hefte