Titelgeschichte
Heft Nr. 79, Januar/Februar 2004
Textauszug

Tourer oder Sportler

Zwei oder vier Zylinder? Tourer oder Sportler? Dieser philosophischen Frage gehen wir mit dem neuen Stern- RX-Z-Beiwagen nach. Harmoniert der in die Breite gewachsene Seitenwagen mehr mit der Yamaha FJR 1300 oder der Suzuki SV 1000? Antworten auf unsere Überlegungen suchen wir bei einem Vergleich.

Der Zweizylinder der Suzuki SV 1000 hämmert mit seinen beiden 98-Millimeter-Kolben vorwärts, und das ohne Murren bereits ab erhöhter Leerlaufdrehzahl. Ab 5000 U/min schiebt er gewaltig vorwärts und legt bei 8000 U/min noch ein Brikett nach. Viel zu schnell beendet das Geschwindigkeitslimit auf der Landstraße den Vorwärtsdrang. Mein Wunsch, das Hämmern bis zum „Geht-nicht-mehr“ hören und spüren zu wollen, drängt mich auf die Autobahn. Und dort erlebt man sein blaues Wunder, im wahrsten Sinne des Wortes.
Unaufhaltsam, als wäre das Ende noch nicht erfunden, schiebt der SV-Motor an. Die Zahlen der digitalen Tachoanzeige nähern sich langsam der 200 km/h-Marke, und nahe 8000 U/min springt einem die 2 als erste Ziffer förmlich ins Gesicht. Erst bei 218 km/h Geschwindigkeitsanzeige und einer Drehzahl von 8500 U/min stoppt der Luftwiderstand die Raserei. Sicher, eine Tachoangleichung fehlt. Aber den geänderten Reifenabrollumfang und großzügig die Tachomissweisung einkalkuliert ergeben immer noch eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 180 km/h. Und dabei liegt das Gespann wie ein Brett auf der Fahrbahn, so dass nie ein flaues Gefühl aufkommt.
Vorbildlich ist der Geradeauslauf. Daran ändern auch Spurrillen nichts und mit sicherer Hand lässt sich die blaue Rakete zielgenau über die Bahn steuern. Denkbar schlechte Voraussetzungen für Gespannbetrieb hat die Suzuki SV 1000 in ihrer Ausgangsform. Der unten offene Rahmen erfordert mehr als nur ein einfaches Hilfsgerüst, an dem die Anschlüsse montiert werden können. Mit einem dritten Steuerkopflager und mehrfacher Verschraubung mit dem Originalrahmen wird die Suzuki auf ihre Karriere als Gespann vorbereitet. Dazu gehören selbstverständlich auch eine geschobene Vorderradschwinge und autobereifte 15“-Verbundräder...

... Noch ruhiger liegt das Gespann mit einem Passagier an Bord, wobei dann bei höheren Geschwindigkeiten ein Gegenlenkmoment auf Dauer in den Armen und Schultern bemerkbar wird. Ein Gespann mit einem Radstand von 1480 Millimetern stößt bei einer Spurbreite von 1400 Millimetern eben an seine geometrischen Grenzen bei Beladung. Unter diesem Aspekt gesehen ist die Yamaha FJR das bessere Zugpferd. Die voluminöse Vollverkleidung unterdrückt die Dominanz des Beiwagens. FJR und RX-Z führen die harmonischere Ehe. Bei gleicher Spurbreite von 1400 Millimetern im Vergleich zur SV macht sich der Hebelarm der Spurbreite nicht so gravierend bemerkbar. Mit der FJR beherrscht man den Beiwagen. Bei der SV könnte mit Besatzung der umgekehrte Eindruck entstehen. Auch die unterschiedlichen Motorradgewichte spielen da eine Rolle. Immerhin bringt die FJR als Solomotorrad satte 256 Kilogramm auf die Waage.
Im Gegensatz dazu entpuppt sich die SV mit einem knappen Zentner weniger (212 Kilogramm) als Leichtgewicht. Ein Passagier im Boot und/oder zusätzliches Gepäck macht bei der SV eine größere Verschiebung des Gesamtschwerpunktes aus. Daraus resultiert, dass die Fahreigenschaften stärker beeinflusst werden. Trotz Einspritzanlage ist die Suzuki kein Diätwunder. Im Mischbetrieb Landstraße und Autobahn ermittelten wir einen Durchschnittsverbrauch bei flotter Fahrweise von 10 Litern. Ein ruhigere Gashand könnte den Verbrauch durchaus senken, aber das käme einer Strafe für den Fahrer gleich. Der kultivierte Twin will Drehzahl und der Fahrer will das zunehmende Hämmern und die Beschleunigung immer wieder spüren. Die SV weckt Emotionen und ist für erlebnishungrige Gespannfahrer die erste Wahl. Der FJR-Vierer ist keineswegs langsamer oder behäbiger. Mit satten 125 Newtonmeter ...

Martin Franitza

 

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