L e i t a r t i k e l
November / Dezember 2004, Heft Nr. 84

Was ist Zukunft?

Eine heiße Diskussion löste unser Test des ersten BMW-R-1200-GS-Gespannes aus. Einerseits wird die Technik bewundert, vor allem wie Albert Engbers die Elektronik für Gespannbetrieb überlistete. Andererseits zeigt das Problem mit dem Bremslichtschalter deutlich, dass die moderne Technik auch ihre Tücken hat. Zudem treibt der aufwändige Umbau die Kosten in die Höhe. Treiben wir einer Entwicklung zu, bei der sich der Gespannumbau aufgrund von Preis und Aufwand nicht mehr lohnt bzw. dieser nicht mehr bezahlbar ist?

Ich denke nicht. Ende der 70er Jahre, als ich mir ein Guzzi-Gespann aufbaute, war ein EML-Boxer- oder Gold-Wing-Gespann für mich ein unbezahlbarer Traum. Das ist auch heute noch so, nur dass die Modelle nicht mehr GL-1000 oder R 90 S heißen sondern GL 1800 oder eben R 1200 GS.

Mit meiner Guzzi legte ich über 150.000 Kilometer zurück und ich kam trotz manchem technischen Halt immer auf eigenen drei Rädern nach Hause. Nicht anders ist das bei meinem derzeitigen Triumph-Gespann.

Trotz dieser Erfahrungen und sicher einer gesunden Skepsis gegenüber Neuerungen und einer für mich nicht mehr greifbaren Elektronik ist mein Vertrauen in den modernen Motorrad- und Gespannbau ungebrochen. So sind wir in den letzten 16 Jahren mit allen Testgespannen immer heim gekommen, einen Motorschaden ausgenommen. Trotz verschiedener Probleme gab es immer Lösungen.

Ein fataler Fehler wäre es, die moderne Technik zu verteufeln. Dann würden wir immer noch auf walkenden 125er Michelins herumfahren und nicht wissen, um wie viel besser ein Smart-bereiftes Gespann auf der Straße liegt. Oder wir würden immer noch regelmäßig Unterbrecherkontakte und Kondensatoren tauschen, anstatt uns auf eine wartungsfreie elektronische Zündungen zu verlassen.

Akzeptanz heißt das Stichwort. Nur wenn man sich mit der modernen Technik auseinandersetzt, kann man darüber urteilen. Das heißt noch lange nicht, dass man alles gut heißt. Das gilt auch für die Preispoli= tik der Hersteller. Man wird ja nicht gezwungen, alles was schneller und chromblitzender ist, gleich in die Garage zu stellen. Aber Fortschritt muss sein, denn Stillstand wäre Rückschritt.

Für mich ist die R 1200 GS nur der Beginn einer neuen Motorradgeneration, mit der wir uns in den nächsten Jahren auseinander setzten müssen. Wahrscheinlich denkt in 10 Jahren kein Mensch mehr über das elektronische Bussystem nach, weil es zum Alltag geworden ist.

Allerdings kann der Alltag auch anders aussehen. Denn das Hightech-Zeitalter und die augenscheinlich immer komplizierter werdenden Motorräder treibt die Liebhaber überschaubarer Technik zur Zweizylinder-Boxerszene, zu den Guzzisti oder zur Ural-Familie.

Mich fasziniert ein modernes R 1200 GS-Gespanne genauso wie ein R 69 S- oder R-12-Gespann. Mit allen würde ich es jederzeit wagen, eine große Reise anzutreten.

Übrigens, meine persönliche Gespannzukunft liegt in der Vergangenheit, im Moment stilistisch gesehen bei den Baujahren 1920 bis 1930. Mein Traumgespann wird vom Outfit her diesem Zeitraum entsprechen: Starrrahmen mit gefedertem Sattel, ein zuverlässiger Twin als Antrieb und ein vermeintlich uraltes Blechboot. Trotzdem freue ich mich auf die Zukunft.

Ihr Martin Franitza

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