Titelgeschichte - Auszug -
Mai/Juni , Heft Nr. 87

Die schwarze Domina

ES GIBT NUR EINE WAHRE SCHWARZE DOMINA: UND SIE BIETET DREHMOMENT STATT LEDERPEITSCHE UND HIGHHEELS. LUSTSKLAVEN DÜRFEN PLATZ NEHMEN.

Die Neugier siegt. Sie bezwingt immer die natürliche Scheu vor Neuem, vor allem, was sich aus der Masse abhebt. In der Triumph Rocket steckt die Begierde nach mehr: nach mehr Hubraum und mehr Drehmoment. Kolben so groß wie Körbchengröße D hämmern im Trio aus 2,3 Litern Hubraum die geballte Kraft von 200 Newtonmetern in Richtung Hinterrad. Wer will dieses zügellose Vorwärtsstreben bei 2500 U/min nicht erleben und sich zum Lustsklaven des Gasgriffs machen?

Schwarz, Chrom, poliertes Aluminium, der Tank mit prallen Backen, als ob die Corsage zu eng geschnürt ist. Die Rocket dominiert immer. Vier der Gespanne werden im Sommer ihre motorische Überlegenheit auf den Straßen ausleben. Das erste fahrbereite Exemplar stellte Uwe Schmid auf drei Räder. Die anderen drei kommen aus den Werkstätten von den Firmen Armec, Roadrunner-Motorrad-Gespanne und Stern.

Die englische Dominanz verstärkt Uwe Schmid mit einer verstellbaren Heding- ham-Schwinge. Das Hilfskorsett für den offenen Brückenrahmen ist obligatorisch. Ein Brookland-Beiwagen mit Vierkantrohr-Chassis ergänzt den Umbau. Absichtlich wurde der Beiwagen etwas weiter vom Motorrad weg montiert und auf Gewichtsersparnis kein Wert gelegt. Der Brookland tut sich sowieso schwer, den begehrenswerten 320 Kilogramm Lebendgewicht etwas entgegen zu setzen.

Das Vorderrad mit bleibt serienmäßig. Die Lust des Vorderrades, auch dort hinzulaufen, wohin es der Fahrer dirigiert, wird von keinem Lenkungsdämpfer beeinträchtigt. Der Motorradreifen mit seinen runden Konturen übersieht Spurrillen, bleibt trotz des mächtigen Anschubs von hinten in seiner Spur. Einen heftigen Gasstoß quittiert das Gespann mit einem lustvollen Gebrüll aus den Auspuffrohren. Der wohlgeformte Hintern mit seinem 205er Reifen macht einen Ausbruchversuch, kann für kurze Zeit die schier unerschöpfliche Kraft nicht auf den Asphalt übertragen, beherrscht aber dann doch die ihm zugetragene Aufgabe.

Schalten? Warum, wenn das berechnende Spiel auch in den großen Gängen funktio- niert? Und so lümmelt man sich in das unverschämt bequeme Sitzmöbel der Rocket und lässt sich immer wieder aufs Neue von dem Dreizylinder beeindrucken, der unerbittlich wie ein Despot nach Kraftentfaltung giert.

Ein Triumph-Rocket-III-Gespann öffnet das Tor zu neuen Erlebniswelten, die von der erotischen Domina des Drehmoments beherrscht werden. Nichts für Menschen, die nach dem Sinn fragen. Höchstgeschwindigkeit und Benzinverbrauch verstecken sich im Hintergrund des Nicht-wissen-wollens, zumindest in den ersten Stunden der Bekanntschaft.

mf

 

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