Titelgeschichte - Auszug -
September/Oktober 2005, Heft Nr. 89

Zeitmaschine

Gäbe es eine Zeitmaschine, so wünschte ich mich 50 Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt. Das Benzin ist billig, an den Motorrädern gibt’s was zu schrauben, und auf den Straßen herrscht noch kein Kriegsrecht. Leider ist diese wehmütige Betrachtung nur ein unerfüllter Wunsch. Realität ist das Gespann im Stil der 60er Jahre: Ural Retro.

Der Kickstarter ist serienmäßig. Und der Motor springt jedes Mal auf den ersten Tritt an. Bei mir würde über längere Zeit bestimmt der Knopf für den E-Starter einrosten. Die Prozedur des Ankickens ist der Einstieg in meine Zeitreise mit der Ural Retro. Der Leerlauf ist noch drin, und so ziehe ich die Kupplung, lege mit dem wunderschönen Holzknauf am rechten Tank den Rückwärtsgang ein und genieße zuerst das wunderbare Erlebnis der Rückwärtsbewegung. Ich sage dem Gedanken adé, bereits beim Einparken überlegen zu müssen, wie man ohne großen Schiebeaufwand wieder losfahren kann. Sicher wäre das Drücken der Ural kein Problem. Mit den schmalen 18-Zöllern schiebt sich das Gespann wie ein Kinderfahrrad. Aber einen richtigen Rückwärtsgang gibt es nur bei Ural, und diese von anderen Motorradherstellern vergessene technische Errungenschaft will immer wieder ausgekostet werden.

Wir flüchten aus der Stadt hinaus. Bereits nach einigen Kilometern touren wir über einsame Gemeindeverbindungswege, die versteckte Bauernhöfe miteinander verbinden. Bergauf im zweiten Gang, da kann man noch die Landschaft genießen. Mir scheint, die kürzeste Verbindung zwischen Glück und Seligkeit ist die Kurve. Lässig und locker treibe ich das Gespann durch Kehren, 90-Grad-Knicke oder langgezogene Endloskurven. „Telegabel“ heißt nicht automatisch „schwere Lenkung“. Das Ural- Retro-Gespann ist der beste Beweis dafür. Zudem wissen wir das spätestens seit den ersten BMW-R-1200-C-Gespannen. Vielmehr sind Lenkkopfwinkel und Nachlauf für die Schwergängigkeit einer Motorradlenkung im Gespannbetrieb verantwortlich. Die Retro hat ein komplett neu entwickeltes Fahrwerk. Der Rahmen mit der Geradwegfederung im Heck findet sein Vorbild in der Ural „Wolf“ und den Krädern aus den 50ern. „Länge läuft“ – diesen Spruch nahmen sich die Ural-Techniker zu Herzen und spendierten der Retro ein längeres Chassis und eine Fahrwerksgeometrie, die allen Telegabelgegnern das Wasser in die Augen treibt. Kraft braucht man nicht zum Lenken, eher Mut, die Wendigkeit des Gespannes bis zu seinen Grenzen auszuloten

Im Vergleich zu einer Ural Basic liegt die Retro wie ein Brett auf der Straße. Die Hinterradschwinge ist in Nadellagern geführt, und sie ist vor allem eins: länger. Die Lastwechsel- und Schaukelbewegungen einer Basic, die im Gelände durchaus sinnvoll sein können, sind der Retro fremd.

Der tiefere Schwerpunkt und die geänderte Radlastverteilung machen sich positiv bemerkbar. Verloren hat der Retro dadurch an Geländegängigkeit. Aber auf Feldwegen macht das Gespann immer noch eine bessere Figur als eine Guzzi. Hari Schwaighofer, Europa-Importeur aus Linz, zeigt uns ungeteerte Gemeindeverbindungswege. Er ist mit dem Prototypen des Ural-Rallye-Gespannes fl ott unterwegs. Er muss zwar immer wieder auf uns warten, aber auch nach vielen Kilometern über unbefestigtes Terrain fühlen wir uns weder durchgeschüttelt noch müde. Die Federelemente filtern die gröbsten Bodenunebenheiten weg. Den Rest erledigt der in einem Gummilager aufgehängte Echtledersattel.

Aus dem Boot höre ich überhaupt keine Klagen. Ob man nun ein Ural-Gespann als letzten käufl ichen Oldtimer ansieht oder nicht, ist beim Faktor Sicherheit sekundär. Wichtig im heutigen schnellen Straßenverkehr sind gute Bremsen. Die 40 PS des Retro-Gespannes werden von einer Scheibenbremse im Vorderrad im Zaum gehalten. Dosierbarkeit und Bremsleistung sind zeitgemäß und wünscht man sich bald auch für Hinterrad und Beiwagenrad. Den Fußbremshebel muss man schon kräftig treten, damit das Gespann die Fahrt verringert. Dass sich die Gabel bei fl otter Kurvenfahrt verwindet, kann die Scheibenbremse nicht vertuschen. Den Druckpunkt am Bremshebel spürt man plötzlich erst fünf Millimeter später. Doch es bleibt genügend Hebelweg, um das Vorderrad zum Blockieren zu bringen. Das ist zwar sicher nicht die neueste Entwicklung beim Thema Bremsen, aber wie mir ein eingefl eischter Ural-Fahrer versicherte: Hier muss man keine Befürchtung haben, dass bei einem Spannungsabfall das ABS ausfallen kann.

Unsere Kritik an der Vorderradbremse nimmt die Europazentrale in Linz ernst und entwickelt einen Umrüstsatz für eine schwimmend gelagerte Bremsscheibe. Alle bereits ausgelieferten Maschinen werden im Rahmen einer Rückrufaktion umgerüstet und die laufende Produktion umgestellt. Jürgen, der Besitzer des Gespannes, sagte uns bei der Übergabe: „Aan 90er kannst ruhig foahrn!“ Er meinte damit die Dauergeschwindigkeit. Wir muten dem nostalgischen Eisen angemessen nur einen 80er zu, und das auch nur auf Verbindungsetappen. Meistens sind wir sowieso mitten in der Pampa bei einer Geschwindigkeit unterwegs, die fast das Blumenpflücken zulässt.

 

 

 

 

 

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