MOTORRAD-GESPANNE 130

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Die Lieferzeiten sind zu lang!

Unterhalte ich mich mit Gespannfahrern, die einen Umbau vor oder hinter sich haben, höre ich immer wieder Klagen über die sehr langen Lieferzeiten – obwohl nicht mehr, sondern deutlich weniger Gespanne gebaut werden als zum Beispiel vor fünfzehn Jahren. Es sind die Kapazitäten der Hersteller, die drastisch geschrumpft sind.

Ursache sind wirtschaftliche Krisen der vergangenen Jahre. Um das Jahr 2000 standen viele Hersteller in ihrer Gespannwerkstatt und bohrten in der Nase. Um 2005 gab es eine ähnliche Situation – kaum Aufträge in Sicht. Das hatte Konsequenzen.

Vor fünfzehn Jahren lag die Zahl der Mitarbeiter im Gespannherstellerberieb durchschnittlich bei drei Vollbeschäftigten und zwei weiteren auf Stundenbasis Angestellten. Inzwischen haben fast alle Firmen Personal reduziert. Da ist eine Halbierung der einst möglichen Gespannproduktion schnell vollzogen, und gute Leute für den Gespannbau wieder zu finden, ist enorm schwierig. Seit zwei Jahren steigt die Gespannnachfrage und mit ihr stetig die Wartezeiten der Gespannfahrer auf teilweise über zwölf Monate – und kein Ende scheint in Sicht.

Weitere Faktoren verschärfen die Situation: – Vor fünfzehn Jahren hatten wir uns im Durchschnitt noch alle sechs Jahre ein Gespann gekauft. 2011 war der Abstand für den Gespannkauf auf neun Jahre angestiegen. Das wissen wir aus Leserbefragungen. Es erfordert keine Kristallkugel, um weiszusagen, dass ein erheblicher Auftragsdruck auf die Gespannhersteller zukommt. Das Resultat: Bitte warten.

– Auch das Durchschnittsalter der Solofahrer steigt. Hat einer 60 oder 70 Jahre auf dem Buckel, ist das Rangieren in der heimischen Garage schon ein gewaltiger Balanceakt. Kippt dann die Maschine mal auf die Seite, steht der in Ehren ergraute Motorradfahrer vor einem Problem. Um auch im rüstigen Rentenalter das geliebte Hobby weiterzuführen, bietet sich das Gespann an. Doch was sagt der nette Gespannhändler? „Bitte warten.“

– Vor fünfzehn Jahren dauerte die Gespannzulassung beim TÜV zwei Stunden. Heute kann es Wochen dauern, bis der Hersteller endlich einen Baurat mit Sachverstand findet, dem sein Arbeitgeber nicht gleich mit Kreuzigung droht, wenn er ein Gespann abnimmt. Mit geballter Faust in der Tasche verkneife ich mir, an dieser Stelle über die verantwortlichen Bürokraten herzuziehen. Und wir? Wir müssen warten.

Diese Situation bringt noch ein weiteres Problem: Durch den Auftragsdruck sind einige Hersteller hoffnungslos überlastet. Für den Kunden wird dies deutlich, wenn der Liefertermin immer wieder auf‘s neue verschoben werden muss. Da reißt so manchem der Geduldsfaden. Mein Apell: Gespannhersteller, verkürzt die Lieferzeiten! Ein neuer Gespannumbau, egal in welcher Preisklasse, sollte freudige Erwartungen wecken und nicht Stress verursachen.

Auch wir als Kunden können schon im Vorfeld etwas dafür tun. Meine Empfehlung ist, den Hersteller aufzufordern, einen verbindlichen Liefertermin zu nennen. Ist die Wartezeit akzeptabel und ein Auftrag wird erteilt, wird das Datum (Woche oder Monat) im Auftrag festgeschrieben. Dabei soll es nicht darum gehen, den Hersteller zu knechten, sondern einen verlässlichen Liefertermin festzuschreiben.

***

Mit Jialing kommt ein neuer Anbieter aus China auf den Markt. Ich bin neugierig, ob es dem Importeur gelingt, dieses Gespann dauerhaft in den Verkauf zu bringen. Natürlich will nicht jeder, der mit einem neuen Fahrzeug liebäugelt, eine Jialing. Doch angesichts der langen Lieferzeiten kann dieser Umstand für die neue Marke aus China eine gute Startposition sein.

MOTORRAD-GESPANNE fuhr den ersten Test mit dem Gespann aus dem Reich der Mitte. Das Ergebnis liest du in diesem Heft. Auch unser eher kritisch eingestellter Redakteur Axel Koenigsbeck war von dem Chinakracher angetan. Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis findige Gespannfahrer das Jialing-Boot, das mich ein wenig an eine Sitzbadewanne erinnert, durch andere Gondeln ersetzen – vielleicht ein Lastenbeiwagen? Wie siehst du die Situation mit den Wartezeiten, und wie gefällt dir die neue Jialing?

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Ich hoffe, wir sehen uns auf dem Euro-Gespann-Treffen in Weiswampach.

Mit erhobenem Beiwagenrad
Euer Bernhard Götz


Titelstory –Textauszug

Preisgünstig oder nur billig?

Fahrzeuge aus China stehen bislang nicht im besten Ruf. Ob ausgerechnet ein Gespann dieses Negativ-Image korrigieren kann, klärt unser erster Test des von Motorwerk importierten Jialing JH 600 B.

Mit Motorrädern aus dem Reich der Mitte verbindet man gemeinhin Billigheimer lausiger Qualität. Doch sollte man die chinesischen Hersteller nicht unterschätzen. Die Entwicklung der japanischen Motorradindustrie ab Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat gezeigt, wie schnell Konstrukteure von Kopierern zu Innovationsschöpfern avancieren und wie konsequent leistungsfähige Unternehmen die Fertigungs-Standards zu steigern vermögen. Im Fall China kommt hinzu, dass japanische Werke und seit kurzem auch BMW wesentlichen technischen Transfer liefern, womit der Prozess der Qualitätsoptimierung sogar beschleunigt ablaufen dürfte. Den aufstrebenden japanischen Herstellern haben DKW, BSA & Co. ihre Fertigungsstandards damals jedenfalls nicht per Lizenz mit freundlichen Grüßen überlassen. Vielmehr mussten sich Soichiro Honda & Co. ihre Informationen und ihr Wissen weitestgehend in Eigeninitiative zusammentragen.

Obwohl das Gespann JH 600 B schon 2005 und sein Solo-Ableger ein Jahr später Premiere feierte, fanden beide zunächst nicht den Weg nach Europa. Erst dem holländischen Importeur Motorwerk ist es zu verdanken, dass sie nun auch in unseren Regionen käuflich sind. In Deutschland macht Löw als Stützpunkthändler den Vorreiter. Der Niederbayer wird den Vertrieb gleichfalls für Österreich übernehmen. Während die auch daheim gut betuchten Käufern vorbehaltene Solomaschine mit 5955 Euro – die neue Honda NC 700 S kostet hierzulande gerade einmal 5755 Euro – kaum Marktchancen haben dürfte, scheint die Seitenwagenversion JH 600 B mit 8450 Euro in olivgrün und 8725 Euro in schwarz (Preise ab Venlo) durchaus attraktiv. Bei Löw kommt es mit 9500 Euro allerdings teurer. „Grund dafür sind die Frachtkosten von Venlo nach Kirchham.

Außerdem wollen wir das Gespann nicht als Überraschung in der Kiste verkaufen. Vor der Auslieferung wird es geprüft und dann fahrfertig dem Kunden übergeben“, erläutert Alois Löw. Für Käufer aus Österreich kommen noch 13 Prozent Normverbrauchsabgabe hinzu. Einziger Konkurrent als fabrikneues Komplettgespann ist in der Preisklasse unter 10.000 Euro das Ural- Modell T, sieht man von den wiederaufbereiteten Chang Jiang 750 ab.

Obwohl preislich etwa gleichauf, lassen sich JH 600 B und Modell T keineswegs in einen Topf werfen. Während der Russenboxer so konsequent seinen klassischen Stil konserviert, wie es bei den Anforderungen des heutigen Marktes möglich ist, gibt sich das Jialing in jeder Beziehung modern. Wenn das Styling wie eine Mischung aus BMW F 650 CS und Cagiva Canyon anmutet, so sollte man den Jialing- Designern dies durchgehen lassen. Schließlich spicken auch die Entwicklungsabteilungen der Etablierten gelegentlich voneinander ab.

Axel Koenigsbeck


Inhaltsverzeichnis

Titelstory

Jialing: Preisgünstig oder nur billig?
Fahrzeuge aus China stehen bisher nicht im besten Ruf. Ob ausgerechnet ein Gespann dieses Negativ-Image korrigieren kann, klärt unser Test der Jialing JH 600 B.

Fahrbericht * Vorstellungen

Muskelmann
Gespannhersteller Ferdinand März aus der Eifel hat für die Yamaha MT-01 einen Umbau mit Radnabenlenkung entwickelt. Ein Fahrbericht mit dem Klappino-Beiwagen.

Große Klappe, XL dahinter
Für Liebhaber klassischer Gespanne hat Hedingham den XL-Beiwagen mit einem komfortablen Einstieg ausgestattet. Ein Fahrbericht mit Moto Guzzi Jackal.

Taurus
Mit klaren Vorstellungen baute sich ein Gespannfreund aus dem Odenwald sein Traumgespann auf Basis einer Suzuki VZR 1800 Intruder.

Technik

Es geht voran
25 Jahre lang optimierte Tom sein BMW-Gespann: interessante Details, verschiedene Beiwagen und immer ein tolles Finish. Die Behauptung, jetzt sei er bald fertig, verursachte bei seiner Familie Lachkrämpfe.

Der Spaß fährt mit
Eine Achsschenkellenkung an einem dreißig Jahre alten BMW-Gespann mit Wasp-Beiwagen, geht denn das? Eine Geschichte aus dem echten Gespannfahrerleben.

Magazin

Da geht die Kirmes ab
Reingehüpft und angeschnallt, hier geht die wilde Fahrt gleich los! Wir stellen vor: Eine Vespa Messerschmitt mit Düsenjet-Beiwagen, einschließlich Höhen und Seitenleitwerk. Der TÜV gab sein Okay.

Das Allerletzte
Didi dreht durch. Eine Satire über die Unfähigkeit mancher Firmen, einen Übersetzer zu engagieren.

Weißwurst marsch!
Der Beiwagen macht ein Gespann komplett, wir wissen das. Gastronom Manfred Schurr hatte da ganz eigene Vorstellungen. Ganz nebenbei auch noch mit einer Weltneuheit: Eine Vorderradschwinge aus Flacheisen.

Reise und Treffen

Auf dem Dach der Welt
Eine Fahrt auf über 5000 Meter Höhe. Mit Gespannen zum Fuße des Mount Everest.

Euro-Gespann-Treffen
Die Ankündigung zum Treffen der Gespannfahrer aus ganz Europa: schauen, miteinander reden, neue Freunde kennenlernen. Jeder Gespannfreund ist willkommen!

Hallo, Taxi!
Findige Gespannfahrer betreiben in Barcelona einen Taxidienst mit Ural-Gespannen. Fährst du mit?

Historik

Seniorentreffen
Ein stimmiges und liebenswertes Veteranentreffen in der Provinz.

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