Titelgeschichte
Heft Nr. 74, März/April 2003
Textauszug

H a y a r u k o

Titelbild. Heft 71.Der berühmte französische Schriftsteller Antoine de St. Exupery prägte einen Spruch, der auf die Gespannphilosophie abgewandelt heißen könnte: Will er sich ein Traumgespann aufbauen lassen, so gib ihm nicht Rohre, Plastik und Schrauben, sondern begeistere ihn für die Faszination des Gespannfahrens!

Faszination ist das Schlüsselwort. Was helfen die besten Materialien, die präzisesten Maschinen und das optimale Werkzeug, wenn man keine Ideen hat. Mit  Inspiration und dem Willen die Vorstellung zu realisieren, geht der Gespannaufbau wie von selbst. Und wir erlauben uns zu ergänzen, dass mit dieser Einstellung auch die finanziellen Hürden genommen werden müssen.

Jürgen Mayerle ist so ein Gespannverrückter. Er konnte die mannen der Firma Ruko für das Vorhaben begeistern und als sich letztes Jahr noch die Chance bot, eine Hayabusa günstig zu erstehen, startete das Projekt F-1.

Das Gespann ist die Dreiradversion der Hayabusa-Philosophie. Es ist kein Renngespann, sondern ein Fahrzeug, mit dem man schnell aber auch bequem reisen kann. Es wurde eine Demonstration der technischen und ästhetischen Machbarkeit. Design als Herausforderung ohne die Funktion zu vernachlässigen und ohne die Auflage, die Form in Serie reproduzieren zu müssen. Es sollte eine Studie werden, die Technik und Form des neuen Jahrtausends zusammenbringt

Fahrwerk

Die Fahreigenschaften eines schnellen Gespannes sind maßgeblich abhängig von der Lage des Schwerpunktes. Je niedriger und je zentraler der tatsächliche Fahrzeugschwerpunkt zum Schwerpunkt des Dreiecks Fahrzeuglängsachse-Beiwagenrad sitzt, desto neutraler verhält dich das Gespann in Links- und Rechtskurven und beim Bremsen - eine entsprechende Auslegung der Bremsanlage vorausgesetzt. In der Regelfall kann beim Anbau eines Beiwagens an ein Motorrad diese Binsenweisheit kaum berücksichtigt werden. Das ist nur bei der Konstruktion eines kompletten Fahrgestell weitgehend möglich, zum Beispiel Krauser Domani, HBJ und manche Schwingengespanne, die kompromisslos auf Racing ausgelegt sind.

Beim F 1-Gespann wurde ein Chassis realisiert, das Ruko bereits auf der Rennstrecke im Jahre 2001 erprobte. Die Vorderradführung bildet die bereits bekannte Achsschenkellenkung Vario 4 mit Formel 3-Bremsanlage von der Firma AP. Das eigentliche Chassis ist ein...

Bremsen:

Das F-1-Gespann hat eine Verbundbremse mit 19-Millimeter-Hauptbremszylinder auf alle drei Räder wirkend. Mit der Fußbremse wird hinten die originale Sechskolbenbremszange, seitlich eine Brembo-Festsattelzange und vorn die bereits erwähnte Racing-Bremszange auf innenbelüfteter AP-Bremsscheibe betätigt. Zusätzlich wird per Handhebel ein zweiter Bremssattel vorn (verbreiterter Seriensattel) und eine weitere Brembozange am Beiwagenrad betätigt.

Noch ein Wort zur Autobremse am Vorderrad: Für einen Preis von rund 1300 Euro bekommt man eine standfeste Bremse, die im Vergleich zu den Motorradbremsen weniger Wartung und weniger Folgekosten verursacht. Motorradbremsen sind für das maximale zulässige Gesamtgewicht plus Sicherheit des Solomotorrades ausgelegt und nicht für ein Gespann mit bis zu 100 Prozent mehr zulässigem Gesamtgewicht. Eine Autobremsanlage ist für ...

Auspuff

Die Verlegung des Auspuffs ist eine logische Konsequenz der Hinterradführung. Wo sollte er beim Fahrzeug bleiben, ohne dass die Spurbreite ins Unermessliche wächst? Die beiden Töpfe, die vor dem Beiwagenrad aus der Karosserie blinzeln, sehen an dieser Stelle gut aus und geben dem Fahrzeug einen zusätzlichen, sportlichen Touch. Ein weiterer Vorteil ist, dass zwischen Maschine und Boot kein Wärmestau entsteht und wie unsere Messung auch bestätigte, dass keine Abgase ins Boot gezogen werde.

Aerodynamik

Die Modellbezeichnung F 1 wurde in Anlehnung an die Formel 1 gewählt. Wie bei den Rennern von Schuhmacher & Co sollte das Gespann ohne Rücksicht auf Produktionskosten auch die Aerodynamik berücksichtigen, auch wenn wegen eines fehlenden Windkanals alle Konstruktionsdetails nur auf grauer Theorie beruhen.

Wie bei den Formel-1-Rennboliden ist auch das F-1-Boot von Jürgen Mayerle mit einen sogenannten Diffusor ausgestattet. Vorn am Boot findet sich ein Lufteinlass. Im Heck tritt die Luft wieder ins Freie und umströmt einen Heckspoiler, der für ...

Das Boot

Im F-1-Boot sind einige Designdetails von anderen Modellen zu finden, so zum Beispiel die Heckpartie des Twister-Beiwagens. Bequemes und schnelles Reisen soll das Boot den Passagieren ermöglichen. Die Einstiegsklappe öffnet über die gesamte Länge. Ein tolles Detail ist die Verdeckkonstruktion. Das Verdeck ist vorn wie bei Side-Bike in einer Aluführung mit Keder geführt und wird hinten und seitlich geknöpft. Die beiden Seitenteile können separat montiert werde. Für die Montage des Verdecks nötig sind zwei am Scheibenrahmen einsteckbare Rahmenschenkel. Sie werden einfach mit je einem Kniehebelverschluss befestigt. Zusätzlich wird zur Stabilisierung des Verdecks zwei Aluminiumrohre mittig eingesteckt.

Bemerkenswert ist der Kindersitz, den Mayerle für Kleinkinder entwickelte. Eine spezielle Sitzschale mit einer Baubreite von 300 Millimetern und eine Lehnenhöhe von 500 Millimetern wird mittels eines Rahmens mit dem Boot verschraubt. Der Mehrpunktgurt stammt aus einem herkömmlichen Kindersitz. Eine spezielle, höhen- und neigungsverstellbare Kopfstütze ist ein zusätzlicher ...

Details

Der Beiwagen ist mit einer Leselampe ausgestattet. Einstiegsklape und Kofferraumdeckel werden mit Gasdruckfedern gehalten. Ein Tzusatztank sitz unterhalb des Bootes. Wie bei der in M-G 71 beschriebenen Aprilia sitzt unter dem Beiwagen ein 17-Liter-Tank aus Aluminium. Er bildet mit dem Haupttank verbindungstechnisch eine Einheit und wird über diesen auch betankt wird.

Die Benzinuhr der Hayabusa schlummert stromlos. Wenn dann irgendwann der Motor stehen bleibt, schaltet man wie früher üblich mit einem Benzinhahn auf Reserve. Mit diesen letzten 4 Litern sollte man ...

Der Aha-Effekt

„Wenn ich schon ein Gespann mit 150 PS oder mehr habe, sollte dementsprechend die Technik hinsichtlich Fahrwerk und Bremsanlage ausgelegt sein,“ so das Statement von Hauke König von der Firma Ruko. „Andreas, Jürgen und ich wollten mit diesem Fahrzeug nur einen möglichen Weg in die Zukunft zeigen und unseren Standpunkt in der Gespannbranche definieren. Wie dieser Weg letztendlich genau aussehen wird, das entscheidet der Kunde.“

Für den MOTORRAD-GESPANNE-Redakteur ist aber die Probefahrt entscheidend. Die sportlich straffe Auslegung des Fahrwerks erlaubt sehr hohe Geschwindigkeiten auch auf schlechten Straßen. Der guteWindschutz der Hayabusa sorgt zudem dafür, dass man die tatsächliche Geschwindigkeit unterschätzt. Erst als mir in einer Linkskurve das Heck wegdriftet...

Was uns gefiel:
- eine Idee, ein Plan, ein Gespann
- sichere Straßenlage bei Höchstgeschwindigkeit
- Bremsverhalten

Was uns nicht gefiel:
- Begrenzter Lenkeinschlag nach links
- schwergängige Lenkung
- Tachomissweisung

Technische Daten: Ruko-Hayabusa mit Mayerle-F-1-Beiwagen

Motor: Luft-/ölgekühlter Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder über zwei obenliegende Nockenwellen betätigt, Bohrung x Hub: 81 x 63 mm, Hubraum: 1298 cm3, Verdichtung 11 : 1, Leistung: 129 kW (175 PS) bei 9800 U/min, maximales Drehmoment: 138 Nm bei 7000 U/min, kontaktlose Zündanlage, Lichtmaschine 425 W, Batterie 12 V/10 Ah.

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Leichtmetall mit Ruko-Gitterrohrrahmen verschraubt, Achsschenkellenkung Vario 4, Hinterradaufhängung in Linearführung, Wilbers-Federbeine.

Bremsen: Verbundbremsanlage mit innenbelüfteter AP-Bremsscheibe und AP-4-Kolben-Festbremssattel vorn, kombiniert mit Serienbremssattel hinten und Aprilia2-Kolben-Bremszange hinten, Handbremse wirkt auf Serienbremse vorn und Aprilia-Bremssattel am Beiwagen.

Bereifung: Vorn: 205/50 R 15  86V, Hinten: 225/650 R 15  91V,

Beiwagen-Rahmen: Ruko-Gitterrohrrahmen mit Beiwagenradaufhängung in Linearführungen.

Beiwagen-Karosserie:
Länge: 2300 mm
Sitzbreite: 840 mm
Fußraumlänge: 1700 mm
Kofferraumvolumen: 200 L
Verdeck serienmäßig: ja
Kopfraumhöhe bei geschlossenem Verdeck: 850 mm
Sicherheitsgurte serienmäßig
Bereifung: 205/50 R 15 86 V
Federbein: Bilstein
Federweg: 80 mm
Scheibenbremse serienmäßig
Leergewicht: 120 kg

Abmessungen Gespann:
Radstand: 1850 mm
Spurbreite: 1380 mm
Vorlauf: 350 mm
Vorspur: 17 mm
Nachlauf VR: 70 mm
Leergewicht: 370 kg
Zul. Gesamtgewicht: 660 kg
Höchstgeschwindigkeit: über 200 km/h

 

  Weitere Rubriken in diesem Heft: Inhaltsverzeichnis, Nachrichten, Leserbriefe, Leitartikel

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